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_(Allzu) Praktisches zum Entstehen einer Dissertation

von Klaus Henning

Informationen zum Autor:

  • Prof.  Dr.-Ing. Klaus Henning (geb. 1945)
  • Professor an der RWTH Aachen (1985-1994 Kybernetische Verfahren; seit 1994 Informatik im Maschinenbau; seit 1985 Leiter des Hochschuldidaktischen Zentrums der RWTH Aachen)
  • Leiter des Instituts für Unternehmenskybernetik (IfU) e.V., Mülheim
  • Mitglied des Präsidiums des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), zuständig für den berufspolitischen Bereich 
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Anhand der Erfahrungen bei der Betreuung von bisher ca. 50 Dissertationen im Ingenieur-, Natur- und Geisteswissenschaftlichen Bereich haben sich für mich einige “unveränderliche Merkmale” ergeben, die in der Entstehungsgeschichte einer Dissertation sehr häufig auftreten:

Phase 1: Unsicherheit über das Thema
Wenn das Thema vom Betreuer vorgegeben wird, besteht die Unsicherheit meist darin, ob man versteht, was eigentlich wirklich gemeint ist und ob das definierte Problem überhaupt ein Problem ist. Wird nur der Themenrahmen vorgegeben, gleicht diese Phase gerne einem Herumstochern im Nebel, weil doch eigentlich alles schon erforscht ist und die anderen ja viel besser sind als man selbst!

Phase 2: Große Ideen
Nachdem man sich an die Unsicherheiten gewöhnt hat, wächst langsam der Mut zu großen Ideen. Man erkennt, wie viel wissenschaftliche Lücken es noch gibt und dass es an vielen Stellen Großes zu tun gibt. Man sieht auch, welche zum Teil eklatanten Mängel bestehende Dissertationen aufweisen und dass viele davon das eigentliche Problem gar nicht behandelt haben. Als Jungwissenschaftlerin und Jungwissenschaftler sieht man das jetzt in aller Schärfe. Hieraus entstehen große Ideen, die von außen betrachtet meist eher einem Ansatz zur Habilitation als zu einer Doktorarbeit gleichen. “Beschneidung” durch den Betreuer macht aber gar keinen Sinn, da zum einen dann die freudige Kreativität weg wäre und man in dieser Phase zum anderen als Betreuer keinem der Kandidaten seine großen Ideen ausgeredet bekäme.

Phase 3: Ernüchterung über die anderen
Wie schon angedeutet, beginnt man Dissertationen und Veröffentlichungen zu lesen, fährt auf internationale Kongresse und stellt nach und nach mit mehr oder minder großem Entsetzen fest: An anderer Stelle wird auch nur mit Wasser gekocht. Und je länger man sucht, desto weniger wirklich gute Leute findet man. Ernüchterung über die Durchschnittlichkeit von Wissenschaft und über die vielfache Engführung von Dissertationsthemen prägen die Situation. Gott sei Dank hat man auch noch etwas anderes zu tun, außer zu promovieren. In vielen Bereichen sind ja Promotionsstellen mit Arbeitsverträgen verbunden. Und diejenigen, die ihre Promotion im Rahmen von Ganztagsstellen durchführen, haben hervorragende Fluchtmöglichkeiten ...

Phase 4: Zeitverschleppung – die erste Krise
Die Zeit verstreicht, und plötzlich muss ein Fortsetzungsantrag für das Promotionsstipendium, ein neuer Projektantrag für die Finanzierung der eigenen Stelle geschrieben werden, oder man erkennt mit Schrecken, dass der befristet beschlossene Arbeitsvertrag ja irgendwann ein Ende hat. Manche brechen hier ab, andere fangen jetzt richtig an. 

Phase 5: Produktive Phase
Wer die erste Krise überstanden hat, kommt jetzt richtig ans Arbeiten. Das Thema schält sich heraus, man hat sich eingearbeitet und ist längst mehr Spezialist auf dem betreffenden Gebiet geworden, als man wahrhaben will. Die ersten Computerprogramme laufen, erste Ergebnisse liegen vor. Es fallen einem neue Varianten ein, neue Untersuchungslinien werden aufgesetzt, neue Daten werden erschlossen, man findet neue Literaturquellen, man entdeckt fremdsprachige Literatur und kauft sich vielleicht zu Hause einen größeren Schreibtisch, weil der alte zu klein geworden ist.

Phase 6: Ertrinken in Daten - die zweite Krise
Nach einiger Zeit hat man die Übersicht verloren. Das Gefährliche an dieser Phase ist, dass die laufenden Arbeiten schlecht dokumentiert werden, man bereits wesentlich kompetenter ist, als man es selbst glaubt, und die Detailarbeit einen davor “bewahrt”, den größeren Zusammenhang zu sehen. Man hat immer noch Sorge, dass man die vorgesehenen 120 bis 500 Seiten ? je nach Betreueranforderung ? nicht zusammen bekommt, man stellt vor allem fest, dass die entscheidenden Probleme noch nicht gelöst sind. So schwimmt man weiter von wissenschaftlichem Detail zu wissenschaftlichem Detail auf höchstem Niveau.

Phase 7: Schreibdruck, Zeitdruck
Aber es kommt, wie es kommen muss: Irgendwann muss Text geschrieben werden ? spätestens wenn der Betreuer Termine setzt. Viele erleben dann die sogenannte “Schreibblockade”. Leider verwechseln die meisten diese Schreibblockade mit der Situation, dass man zum ersten Mal einen Text oder eine größere Abhandlung schreiben muss. Die Schreibblockade bei Dissertationen hat jedoch in der Regel damit zu tun, dass das Konzept der Dissertation nicht klar ist, der Zweck und das Ziel der Dissertation nicht sauber formuliert ist und man auf Grund der Überfülle des Detailwissens in der methodischen Begründung und in den Kriterien zur Bewertung der Ergebnisse erhebliche Lücken hat. Wenn diese Phase dann mit Zeitdruck verknüpft ist – und das ist meistens der Fall – fängt es an, unangenehm zu werden. In dieser Phase gibt nach meinen Erfahrungen ein überdurchschnittlicher Prozentsatz von Frauen das Promotionsvorhaben (leider!) auf. Selbstwertzweifel wie z. B. “ich tauge nichts” werden allzu leicht dominant. Die Tatsache, dass wir Männer etwas häufiger dazu tendieren, uns zu überschätzen, hilft offensichtlich, in dieser Phase durchzuhalten.

Phase 8: Ernüchterung über sich selbst
In jedem Fall beginnt nun die große Ernüchterung über die eigene Person. Und da man meist über viele Jahre mit Herz und Seele an dem Dissertationsthema hing, möglicherweise auch geistliche Berufungen in die wissenschaftliche Arbeit hinein interpretiert hat – berechtigter- oder unberechtigterweise ? dämmert dem Doktoranden und der Doktorandin meist die Erkenntnis: Irgendwie schaffe ich es nicht, wie ich es ursprünglich gewollt habe. Ist das überhaupt Wissenschaft, was ich da mache? Blamiere ich mich nicht vor dem Berichter? Wen interessiert das überhaupt, was ich da schreibe? Eigentlich fange ich doch jetzt erst an, die Fragestellung sauber formulieren zu können! Ich bin zwar die ganze Zeit allein gelassen worden ? vielleicht war das wirklich so ? aber das nützt mir jetzt nichts, was mache ich jetzt?

Phase 9: Beschneidung/Enttäuschung
Wohl dem, der in dieser Phase seitens des Betreuers die erforderliche Beschneidung des Themas erfährt und gleichzeitig dessen Zuspitzung. Für die persönliche Situation des Doktoranden ist das häufig mit Enttäuschung verbunden, weil spätestens hier die “großen Ideen” aus Phase 2 sterben müssen. Manchmal erkennen Doktoranden und Doktorandinnen jetzt erst, dass ihr ursprünglicher wissenschaftlicher Anspruch allenfalls im Rahmen einer Habilitation, manchmal sogar nur im Rahmen eines größeren Forschungsprogramms hätte realisiert werden können. Aber es ist wie bei Bäumen: Wenn die Arbeit nicht entsprechend zurecht gestutzt wird, bringt sie keine Frucht. Bescheidenheit, Konsequenz in der Gedankenführung, saubere Begrifflichkeit, erstklassige handwerkliche Arbeit und unerbittliche Konsequenz bei der Bewertung der eigenen Ergebnisse sowie eine konsequente Gedankenführung von Kapitel zu Kapitel sind jetzt das Gebot der Stunde!

Phase 10: Endspurt
Und jetzt gibt es kein “Wenn und aber” mehr. Es geht nicht mehr darum, ob ich die beste Note bekomme, es geht nicht mehr darum, ob der wissenschaftliche Anspruch meinen Ansprüchen genügt, es geht auch nicht mehr darum, wie valide die Versuche sind, es geht nur noch um eines: fertig werden und das hoffentlich ohne Nachtschichten. 
Realität aber ist, dass in vielen Fällen die dann oft schon vorhandene Familie den Promovierenden häufig nur noch beim Frühstück sieht, weil der bzw. die Betreffende gerade aus der “Nachtschicht” zurückkommt. Wochenlanges Durcharbeiten am Rande der Schlafreserven – und leider oft auch am Rande der Gesundheit – sind nüchterne Realitäten. Aber keine Angst, das haben vor Ihnen schon viele “überlebt”, um nachher noch Jahre später voller Stolz auf diese großartige Zeit zurückzublicken. Da war wirklich was los!

Phase 11: Terminverlängerung
Hier möchte ich nicht über die Terminverlängerung reden, die sich durch den Arbeitsprozess selbst ergeben hat, also durch Ungenauigkeiten in der Zeitplanung. Gehen wir einmal davon aus, dass diese Terminplanung hervorragend geklappt hat und dass der für die letzten anderthalb Jahre der Dissertation vorgesehene Zeitplan funktioniert hat. Hier spreche ich von Terminverlängerungen, die durch die Bürokratien der Universitäten entstehen und die zum Teil objektiv unerträgliche Komplikationen enthalten. Nur selten treffen die Bearbeiter auf Fakultäten, in denen zwischen der juristischen Abgabe der Arbeit und der zugehörigen Promotionsprüfung weniger als zwei Monate vergehen. Aber auch solch positive Beispiele gibt es häufig, und das sollte eigentlich die Norm sein. Dies verbinde ich mit einem Appell an alle Professorenkollegen, die diese Zeilen lesen: Setzen Sie in Ihren Fakultäten durch, dass diese Abwicklungen zügig gehen, dass Arbeiten nicht monatelang, teilweise sogar jahrelang bei Betreuern zur Korrektur liegen und Auslegeverfahren nicht so “intelligent” gebaut sind, dass die Bearbeiter faktisch nach abgegebenen Gutachten noch einmal bis zu sechs Monaten warten müssen. Es gibt (leider) im derzeitigen Universitätssystem nur eine Abhilfe: Planen Sie frühzeitig und rechtzeitig alle Prozeduren rechtlicher, formaler und gutachterlicher Art. Jagen Sie hinter jedem Termin her, achten Sie darauf, dass die entsprechenden juristisch wirksamen Briefe von X nach Y wirklich angekommen sind. Sie können in dieser Phase nicht konsequent und konstruktiv misstrauisch genug sein. Erkundigen Sie sich bei Ihren Kollegen und Kolleginnen und treten Sie notfalls schon Ihre neue Stelle an und machen die Promotionsprüfung eben ein Jahr später. 

Entschuldigung ...
Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich (allzu) realistisch war. Zweck dieser Zeilen war jedoch, Sie auf die möglichen Fallen beim Ablauf der Entstehung einer Dissertation hinzuweisen, und mir ist es wesentlich lieber, dass Sie die eine oder andere dieser Fallen nicht erleben oder ihnen aktiv entgegenwirken, so dass Sie hinterher sagen können: Dieser Artikel war übertrieben. Nur: Beurteilen können Sie das erst rückblickend. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei der Entstehung Ihrer Dissertation, und wenn es einmal nicht mehr weitergeht, dann denken Sie daran: Sie sind besser, als Sie denken, und können mehr, als Sie glauben. Es ist eben nicht so einfach, einen Gestaltungsbeitrag oder ein Stück Analyse zur Schöpfung Gottes beizutragen.

*) Der Artikel geht auf ein Referat bei einem SMD-Doktorandentreffen zurück.