_Mitten im Leben
Burn-out ist auch eine Chance
Ich bin wieder mal am Rande meiner Kraft: Ein weiterer Patient ist verstorben; die ganze Nacht hatten wir um sein Leben gerungen – umsonst. Erschöpfung schlägt hoch. Jetzt möchte ich ausruhen dürfen, mich irgendwohin zurückziehen. Aber die Visite wartet, Ambulanz und Operationen. Auch dieses Erlebnis stecke ich irgendwo weg ... zur späteren Betrachtung, die nicht stattfindet, weil inzwischen schon wieder zehn andere Dinge passiert sind. Wo sind die hehren Ideale der Anfangszeit? Jetzt schleppe ich mich durch den Alltag und will nur noch den Tag überleben.
„Burn-out“ – ich stecke mittendrin. Welche Ursachen hat er? Überarbeitung, zu wenig Freizeit, zu wenig Ermutigung, die Freunde weit weg. Ja, all das; und doch zehrt noch etwas anderes an mir: Ich bin enttäuscht. Gott hat mich enttäuscht. Warum mutet er mir so viel zu, mehr als ich tragen kann? Warum greift er nicht öfter mit einem Wunder ein? Ich bin doch in seinem Namen aufgebrochen und an die Arbeit gegangen. Jetzt müsste er doch etwas tun. Das darf doch nicht sein, dass es unauflösbare Schatten gibt, ungelöste Widersprüche, ethisch fragwürdige Entscheidungen.
Viel Energie geht in diese Enttäuschung hinein. Doch enttäuscht von Gott, das heißt auch: ent-täuscht. Die Täuschung ist vorbei. Burn-out ist auch eine ganz große Chance: die Möglichkeit, sein Gottesbild noch mal zu hinterfragen, Gott anders kennen zu lernen. Gott, der sich selbst in diese Welt hineinbegeben und in ihr gelebt hat, an all dem auch gelitten hat.
Die Realität ist, wie sie ist, sie stellt uns vor quälende Probleme. Und das ist gut so. Sie macht die schönsten Illusionen kaputt, auch Illusionen von Gott. Und sie drängt uns näher an den Gott, der ist, wie er ist. Der in dieser Realität gelebt hat. Zu dem ich kommen kann mit meinen Fragen, meiner Müdigkeit und meiner Verzweiflung. Bei dem ich Trost finde und neue Perspektive. Dessen Sicht über diese Welt weit hinausgeht, und der mich manchmal einen Blick werfen lässt in die Weite seiner Pläne. Kleine Augenblicke, die mir Kraft geben weiterzugehen, mich einem neuen Patienten zuzuwenden, in ihm den Menschen zu sehen und selbst Mensch zu sein.
Dr. Gisela Roth, 1987 – 1998 als Missionsärztin in Simbabwe, seit 1998 Ausbildung zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinik Hohe Mark, Oberursel






