_Fließende Identität? Ein Blick auf Gender
Datum: | 09.02.2012, 19.00 Uhr |
Ort: | Frauenkirche Dresden, Unterkirche (Eingang F) |
Referent: | Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz |
In der bisherigen Entwicklung der Feminismen gab es zwei hauptsächliche Richtungen: 1. „Frau muß Mann werden, um Mensch zu sein“, so die Kurzthese des Egalitätsfeminismus (Simone de Beauvoir, 1949 "Le deuxième sexe"), 2. "Frau soll Frau werden, um Mensch zu sein", so die Kurzthese des Differenzfeminismus vor allem in der Generation nach Beauvoir (Luce Irigaray). In diesen Richtungsstreit hat sich eine neue Theorie eingeschaltet, die postfeministische Aufhebung von Frausein: Es gebe gar kein biologisches Geschlecht (sex), nur noch ein sozial und kulturell zugeschriebenes Geschlecht (gender). Diese Theorie ist radikal "dekonstruktivistisch", d. h. sie löst alle gewohnten Sichtweisen über Frau und Mann als ideologisch auf und entwirft eher spielerisch und unverbindlich neue Deutungen. Schon Sigmund Freud hatte die Differenz der Geschlechter bezweifelt: Wer den Schleier des Weiblichen lüfte, treffe auf das Nichts (des Unterschieds). Nach Simone de Beauvoir sind nur noch strukturelle Fragen zugelassen: Wie wird man eine Frau?, aber keine Wesensfragen mehr: Was ist eine Frau? Seit den 90er Jahren ist im Rahmen der feministischen Dekonstruktion neu, daß auch Sexualität nicht mehr gegeben, sondern konstruiert sei. Zum erstenmal sind damit auch biologische Vorgaben als nicht definitiv angesehen und dem Rollenspiel unterstellt. Als Wortführerin dieser Theorie kann Judith Butler, Professorin für Rhetorik in Berkeley, gelten. Dazu ist kritisch zu bemerken: Der Gedanke der Selbstgestaltung des Menschen ist an sich gesehen weder sachlich falsch noch moralisch böse. Anthropologie kommt nicht umhin, den Menschen als spannungsreiche Wirklichkeit zu beschreiben, das heißt als zwischen Polen "ausgespannt": dem Pol einer gegebenen Ausstattung der "Natur" und dem Gegenpol der Veränderung: einem Werden, einem Futur, der "Kultur". "Werde, der du bist", formuliert der orphische Spruch, aber was so einfach klingt, ist das Abenteuer eines ganzen Lebens. Abenteuer, weil es weder eine "gußeiserne" Natur noch eine beliebige "Kultur" gibt, sondern beide in lebendiger Beziehung stehen: zwischen Grenze der Gestalt (positiv: "dem Glück der Gestalt") und Freiheit (positiv: "dem Glück des Neuwerdens"). Wir sind nicht distanzlos eins mit der Geschlechtlichkeit, sondern von ihr distanziert: In ihr tut sich ein Freiraum für Glücken und Mißlingen auf, auf dem Boden der unausweichlichen Spannung von Trieb (naturhafter Notwendigkeit) und Selbst (dem Freimut der Selbstbildung). Daher ist das zwiefache Geschlecht einer kulturellen Bearbeitung nicht nur zugänglich, sondern sogar darauf angewiesen. Nur: Selbstgestaltung ist in eine komplexe Ausgangslage gestellt. Geschlechtlichkeit ist zu kultivieren, aber als naturhafte Vorgabe (was könnte sonst gestaltet werden?). Kultivieren meint: weder sich ihr zu unterwerfen noch sie auszuschalten. Beides, Natur und "Überschreibung", läßt sich an denn zwei unterschiedlichen Zielen der Geschlechtlichkeit zeigen: der erotischen Erfüllung im anderen und der generativen Erfüllung im Kind, wozu allemal zwei verschiedene Geschlechter vorauszusetzen sind. Das Glücken der Geschlechtlichkeit kann nicht garantiert werden, aber christlich angeben lassen sich die Elemente, unter denen die schwierige Balance gelingen kann: a) den Leib in seinem Geschlecht und b) in der Anlage für das Kind als Vorgabe anzuerkennen. Das ist kein naiver Naturbegriff mehr, sondern die schöpferische Überführung von Natur in kultivierte, angenommene, endliche Natur. Gerade deswegen steht sie im Raum der Übersteigung und nicht in einem flachen Materialismus. Auch der Eros, auch Zeugung und Geburt werden in den Bereich des Heiligen gestellt: Sie sind paradiesisch verliehene Gaben (Gen 1, 28). Nie wird nur primitive Natur durch Christentum (und Judentum) verherrlicht: Sie ist vielmehr selbst in den Raum des Göttlichen zu heben, muß heilend bearbeitet werden. Hildegard von Bingen sagt dazu den schönen Satz, Mann und Frau seien "ein Werk durch den anderen".
Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz





