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_Es gibt keine Elternative

Quelle: www.photocase.de

„Meine Familie – hör bloß auf! Da bin ich das letzte Rad am Wagen. Die wollen und brauchen mich nicht.“ „Ja, ja, solange ich die Füße unter euren Tisch stelle ...“ „Meine Eltern – echt klasse. Die interessieren sich für mich, lassen mich aber auch in Ruhe, wenn ich nicht will.“

Ohne Eltern geht es nicht – aber mit ihnen??? Viele Teenager wünschten sich Erziehungsratgeber für Eltern. Nach dem Motto: Wie erziehe ich meine Eltern? Für manche stellt sich nur die Frage, wie sie es schaffen, endlich wegzukommen. Aber: der Titel dieses Artikels macht es deutlich: Es gibt keine „Elternative“. Wie aber kann eine gute Beziehung in der Familie aussehen – gerade wenn ein Kind sich entwickelt und sich auch im guten Sinne von der Familie weg entwickelt?

Was ist überhaupt eine „Familie“?
Wenn man eine Definition versucht, dann würde man sagen, dass eine Familie eine Gruppe von Menschen ist, die miteinander unterwegs sind. Und wie das so ist, wenn man unterwegs ist, dann wollen alle etwas anderes. Da sind dann Missverständnisse und Streit vorprogrammiert.

Quelle: www.sxc.hu

Die Familie – ein eigenes Theater

Wenn Menschen zusammenleben, dann ergibt es sich aus den unterschiedlichen Persönlichkeiten, dass Rollen übernommen werden. Das passiert nicht bewusst. So gibt es keine eigene „Casting-Show“ nach dem Motto: Die Familie sucht den Superstar. Wenn das so offen wäre, dann hätte das einzelne Familienmitglied auch die Chan-ce, die Rolle anzunehmen. Stattdessen entwickelt sich das Handeln nach und nach – und es erscheint in der Theateraufführung „Meine Familie“ total passend. Rollen helfen, sich in der Familie zurechtzufinden. Schwierig wird das Ganze dann, wenn sich diese Rollen oder Verhaltensschemata verselbständigen. Dann kann ein Kind sich plötzlich nicht mehr anders verhalten. Die im Folgenden beschriebenen Rollen sind Erfahrungswerte. Das kann in der eigenen Familie anders sein – mit ganz anderen Rollen und Besetzungen.

Der kleine Held:
Charakteristische Sätze über den kleinen Helden: „Du sollst alles gut machen.“ „Du bist die Grosse, du bist ver-antwortlich.“ „Streber“. Die kleinen Helden übernehmen viel Verantwortung für den Haushalt und andere Ge-schwister. Sie präsentieren sich gerne als kleine Erwachsene. Sie haben gelernt, dass Leistung zählt. Im extre-men Fall denken sie, dass sie nur dann etwas wert sind, wenn sie etwas für andere tun. Wenn in der Ehe der Eltern Streit ist, kann es passieren, dass kleine Helden zum Partnerersatz werden.

Das Maskottchen:
Seine Spezialität: Spannungen übertönen. Das beherrscht das Maskottchen aus dem Effeff. Jungens werden eher zu einem Clown und bringen Stimmung in die Bude. Mädchen werden eher zum „Püppchen“ oder zu kleinen Prinzessinnen. Um Spannungen zu überwinden, sind sie niedlich oder schön. Konflikte werden so nicht ausgetra-gen und um der Harmonie willen werden viele Kompromisse eingegangen. 

Das schwarze Schaf:
Auch das schwarze Schaf ist ein Spannungslöser. Wenn man selbst für Spannung sorgt, dann ist man der Blitz-ableiter für die Eltern. Die haben dann keinen Stress mehr miteinander,  sondern haben gemeinsam Stress über das „schwarze Schaf“. Das geht, indem Leistung verweigert wird, durch Frechheit oder Ungehorsam. Manchmal braucht eine Familie so einen Sündenbock. Kinder lernen, Sündenbock zu sein und eben nicht die Verantwortung für sich und ihr Tun zu übernehmen.

Die Prinzessin
„Du sollst es besser haben.“ An der Prinzessin können sich die Eltern so richtig austoben: Alles soll sie kriegen. Und sie lernt, dass es ihr auch zusteht. Vielleicht haben die Eltern auch ein schlechtes Gewissen, dass sie so wenig Zeit haben und versuchen, es mit Geschenken wieder gutzumachen.

Das verlorene Kind
Kinder, die sich zurückziehen und die sich so auch möglichen Spannungen in der Familie entziehen. Sie bleiben für sich selbst, lesen stundenlang. Sie haben oft schwere Selbstwertprobleme und fühlen sich anderen gegenüber minderwertig. Manchmal gewöhnen sie sich an ihre Einsamkeit und scheinen niemanden zu brauchen.

Das Nesthäkchen
Das Besondere am Nesthäkchen ist, dass es viele Eltern hat – weil die Geschwister auch ganz schön miterzie-hen. Auf der einen Seite kann dies ein wohlbehütetes Leben bedeuten, wo andere unterstützt und Verantwortung abgenommen haben. Oder aber dem Nesthäkchen wurde verdeutlicht, wie wenig es kann, wie wenig lebensfähig es ohne die „Großen“ ist.

Mal ehrlich: Welche Rolle hast du in der Familie? Welche unausgesprochene Aufgabe hast du in deiner Familie zu erledigen? Welche Rollen spielen deine Geschwister, wenn du kein Einzelkind bist?

In einer Familie eine Rolle zu haben, ist völlig natürlich (Es ist ja auch praktisch, einen kleinen Helden in der Familie zu haben, der dann doch einen Löwenanteil übernimmt bei den Hausarbeiten J). Problematisch wird es, wenn starre Rollen dazu führen, dass ein Kind sich eigentlich gar nicht mehr anders verhalten kann. Gesund ist es dagegen, wenn das schwarze Schaf auch mal der kleine Held sein kann und darf. Um zu überprüfen, ob in der eigenen Familie ein gutes Klima herrscht, können folgende Aussagen über die „gesunde“ Familie helfen.

Mal ehrlich: Wie schätzt du deine Familie ein? Gib deiner Familie bei den einzelnen Aussagen Schulnoten (1 = sehr gut, 6 = mangelhaft):

Quelle: www.pixelquelle.de

Die gesunde Familie:

  1. spricht miteinander und hört zu
  2. stärkt und unterstützt einander
  3. lehrt, Respekt voreinander zu haben
  4. entwickelt Vertrauen
  5. hat ein Gefühl für Spiel und Humor
  6. entwickelt ein Verantwortungsgefühl
  7. lehrt ein Gefühl für Richtig und Falsch
  8. hat einen starken Familiensinn mit Ritualen und Gewohnheiten
  9. hat ein Gleichgewicht in den Beziehungen untereinander
  10. teilt einen religiösen Kern
  11. respektiert die Privatsphäre untereinander
  12. schätzt den Dienst für andere
  13. pflegt gemeinsame Mahlzeiten und das Gespräch
  14. verbringt (manchmal) die Freizeit miteinander
  15. lässt Probleme zu und hilft bei der Lösungssuche.

Diese Sätze machen deutlich: Eine Familie sollte eine gesunde Mischung aus Nähe und Flexibilität haben. Das bedeutet Folgendes: Eine gesunde Nähe zeigt sich darin, dass die Familienmitglieder allein sein dürfen, es aber auch gemeinsame Zeiten gibt, z. B. gemeinsame Mahlzeiten und Gespräch – aber es wird eben auch die Privat-sphäre akzeptiert. Private E-Mails werden z. B. nicht gelesen. Dazu gehört auch, dass die Einzelnen füreinander da sind, gerade auch, wenn es Probleme gibt. Besonders, wenn es Schwierigkeiten sind, die so gar nicht zur Familie passen. Die „Außenansicht“ der Familie ist niemals wichtiger als der Einzelne. So können Lösungen ge-sucht werden. Dinge, die auf dem Herzen liegen, können angesprochen und müssen nicht verleugnet werden. Dabei wird die Gemeinschaft nicht überbetont. Auf der anderen Seite besteht eine gesunde Flexibilität. Das be-deutet, dass es Rituale und Gewohnheiten gibt, die helfen, dass die Familie „funktioniert“. Das können Rituale sein, wie gefeiert wird, aber auch, wie gestritten und sich dann wieder versöhnt wird. Das können auch Rollen sein, die einzelne haben. Rituale helfen, dass jedes Familienmitglied sich in der Familie sicher fühlt. Dabei ist auch wichtig, dass die Machtverhältnisse in der Familie, besonders beim Elternpaar, stimmen. So sollten Kinder die Eltern nicht gegeneinander ausspielen können. Denn das Gefüge Familie besteht aus zwei Untersystemen: dem Erwachsenensystem und dem Kindersystem. Und so ist in einer gesunden Familie das Elternpaar ein Team. Kein Kind wird dabei zum heimlichen Partner.
Wenn eine gesunde Mischung aus Nähe und Flexibilität da ist, dann können sich Kinder in einer Familie und auch die Familie als Ganzes sich durch die verschiedenen Phasen (z.B. Familie mit kleinen Kindern, Schulkindern, Teenagerkindern etc.) gut entwickeln. 

Gute Zeiten – schlechte Zeiten
Man kann nur gratulieren, wenn das Familienklima gute Noten bekommen hat. Aber was tun, wenn einige Regeln für eine gesunde Familie eben nicht zutreffen. Wenn die Gefahr groß ist, dass die Rolle, die das Kind in der Fami-lie spielt, zu starr ist.

1. Gott lässt dich nicht im Stich – du wirst eine tolle Persönlichkeit werden
Auch wenn das Familienklima nicht so gut ist: Gott verspricht, dass er mit jedem Einzelnen weitergeht und zum Ziel kommt. Und das bezieht sich nicht nur auf das geistliche Leben. Denn: Gott meint uns ganz – auch mit unse-rer Persönlichkeit. Ein Leben mit ihm führt auch zu einer persönlichen Weiterentwicklung. Und das ist auch trotz Familie möglich. Gott, der souveräne Herrscher, gibt jedem Menschen (und dir ganz persönlich) das Kennzei-chen: „wertvoll“ (Oder eben: Du bist ein Superstar!! Gott hat Dich gewählt! Jes. 43,1ff: „total wertvoll!”).

2. Es gibt keine „Elternative“: Nimm das Gute mit
Die Wurzeln unseres Lebens – die Eltern – können nicht einfach abgeha(c)kt werden. Denn: Die Erfahrungen, die in der Familie gemacht wurden, gehen tief. Versuche, auf die Eltern zu verzichten, sich loszusagen und sich völlig von ihnen zu trennen, schlagen fehl. Unsere Vergangenheit tragen wir in uns.

Chance Nr. 1:
Den positiven Blick wagen. Wenn die Erinnerungen bleiben, dann kann man sich auch den Luxus erlauben, sich die Rosinen herauszupicken. Mach dich auf die Suche nach positiven Erfahrungen! Das gibt Luft und verhindert Bitterkeit.

Chance Nr. 2:
Sich von Gott beschenken lassen: Das Gebot über die Eltern (2. Mose 20, 12f) ist übrigens das einzige Gebot mit einer Verheißung. Gott beschenkt uns mit  einem langen Leben (denn Bitterkeit und Unver-söhnlichkeit ist nicht gerade gesundheitsfördernd). Was muss man dafür tun: Sehr genau lesen. Gott will keinen Kadavergehorsam den Eltern gegenüber. Er will auch keine geheuchelten Liebesgefühle. Aufgabe ist es, die Eltern zu ehren bzw. zu achten für das, was sie für das Leben der Kinder eingesetzt haben (Da ich drei Kinder habe, kann ich einigermaßen einschätzen, wie viel Kraft und Energie Kinder kosten – und schenken).

Chance Nr. 3:
Vergeben – die Macht weggeben, die andere über mich haben. Wieviel Eltern im Leben ihrer Kin-der kaputtmachen können – ob gewollt oder ungewollt – sieht auch die Bibel. Eltern sollen ihre Kinder nicht zum Zorn reizen (Eph 6,4), Kindern soll nicht der Glaube madig gemacht werden (Mt 18,6) – auch nicht durch ein schwieriges Vaterbild, das in einer Familie entstanden sein kann. Jesus findet drastische Worte, was mit solchen Menschen geschehen soll (einfach mal nachlesen!). Um sich zu befreien von Dingen aus dem Elternhaus, die das Leben vergiftet haben, die einengen, die der Persönlichkeit keinen Raum zum entfalten geben, gibt es ein-fach nichts Besseres als die Vergebung. Dabei ist Vergebung nicht ein schneller Spruch: Vergeben und verges-sen. Vergebung ist nicht einfach „Schwamm drüber“, sondern die Willensentscheidung, dass die Vergangenheit nicht mehr so viel Macht haben soll. Vergeben kann gelernt werden – und manchmal dauert es lange, bis ein Mensch sich entschließt, zu vergeben. Aber es befreit und setzt neue Lebensenergie frei – und schon wieder wird man von Gott beschenkt. 

Mal ehrlich: Wofür bin ich dankbar? Was habe ich an Regeln und Grundsätzen in meiner Familie gelernt? Wo habe ich Erinnerungen, Sätze, die mir immer noch im Kopf herumspuken? Was will ich ab heute neu denken? Brauche ich dafür Hilfe? Was möchte ich in meiner Familie klären? Wo will ich vergeben? Wann möchte ich das tun? Will ich mir bei irgendeinem Punkt Hilfe suchen? (www.christliche-seelsorge.de)

Bärbel Neumann
Diplom-Psychologin und psycholog. Psychotherapeutin, Praxis für Psychotherapie, Seelsorge und Supervision, verheiratet mit Erik, drei supertolle, einzig- aber nicht -artige Kinder
Bei Nachfragen: E-Mail: baerbel  (a‎‏t)  beneumann (do‎‏t) de

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