_Warum eigentlich glauben und denken?
Bibelstunde in der Gemeinde. Der Pastor liest aus dem ersten Buch Mose vor: „Und Eva war ...“ – und dann blättert er weiter – „300 Ellen lang, 50 Ellen breit und 30 Ellen hoch. Und von innen und außen war sie ganz mit Pech verpicht.“ Der Pastor hat nicht gemerkt, dass er ein paar Seiten überblättert hat und von Adam und Eva in die Geschichte von der Arche Noah gerutscht ist. Jetzt versucht er verzweifelt, seinen Text auszulegen. „Also, dass Eva 300 Ellen lang, 50 Ellen breit und 30 Ellen hoch war – das können wir uns durchaus vorstellen – denn sie war immerhin die Mutter des Menschengeschlechts. Aber – dass sie von innen und außen ganz mit Pech verpicht war – das können wir uns nicht vorstellen. Das müssen wir einfach glauben.“
Genau den Eindruck haben manche Leute ja vom Glauben. Dass Glaube heißt, seinen Verstand herunterzufahren. Und leider gibt es manchmal auch Christen, die das Vorurteil zu bestätigen scheinen. Unschwer zu erraten, dass beide dem gleichen Missverständnis aufsitzen: dass nämlich Glauben und Denken nicht zusammen passen. Ich bin überzeugt: Das Gegenteil ist der Fall. Weil Glaube ohne Denken gar nicht funktioniert. Und weil auch Denken ohne Glaube nicht funktioniert.
Es ist nämlich so:
Wer denkt, dass er nur glaubt, ohne zu denken, merkt gar nicht, was er alles denkt, während er glaubt. Umgekehrt: Wer glaubt, dass er nur denkt, ohne zu glauben, merkt gar nicht, dass er glaubt, sobald er zu denken anfängt.
Alles klar?
Schauen wir uns beide Seiten einzeln an:
Kein Glaube ohne Denken
Kann man nicht einfach zum Glauben auffordern? „Du musst nur glauben. Alles andere kommt dann schon.“ Darin steckt sogar ein Körnchen Wahrheit. Glaube wird nicht allein durch Argumente „erzeugt“. Argumente sind hilfreich (das waren sie z. B. für meinen eigenen Weg zum Glauben), aber sie sind niemals ausreichend. Und sie sind auch nicht zwingend, jedenfalls nicht zwingend im Sinne einer strengen Beweisführung. Denn ein Beweis wäre ein Zwang und Glaube ist Vertrauen – Vertrauen lässt sich aber nicht erzwingen.
Das Denken bleibt dennoch unerlässlich. Denn Vertrauen lässt sich ja auch nicht einfach „anordnen“ („Vertrau mir!“ – „Wem? Warum?“ – „Ist doch egal!! Los, mach schon!“). Sondern Vertrauen kann man nur „gewinnen“ – wenn uns etwas oder jemand als vertrauens-würdig begegnet. Dazu gehört auch das Zutrauen: Das, was mir da erzählt wird, das macht auch vom Kopf her Sinn. Das lässt sich begründen, lässt sich einsichtig machen.
Das Denken lässt sich sowieso nicht einfach abschalten. Es reicht nicht zu sagen „Glaub einfach“ – weil man z. B. den Gedanken des Zweifels dadurch nicht aus der Welt kriegt. Gedanken lassen sich nicht per Knopfdruck abstellen. (Stell dir vor, ich sage zu dir: „Ich geb’ dir 10.000 Euro, wenn du zehn Minuten lang an keinen rosa Elefanten denkst.“ Und schon – schwupps – ist alles voller rosa Elefanten.)
Deswegen also: Kein Glauben ohne Denken. Was Gott sich von uns wünscht, ist Vertrauen. Aber nicht blindes, sondern sehendes Vertrauen. Vertrauen, das sagt: Es gibt gute Gründe, um zu glauben. Es ist möglich, zu glauben und dabei den Verstand zu benutzen.
Kein Denken ohne Glauben
Manche Leute bestreiten das Gespräch über den Glauben mit dem Satz: „Ich glaube nur, was ich sehe.“ Ich habe dann oft Lust zu antworten: „Aha, und seit es Fernsehen gibt, glaubst du alles ...“ Was aber viel wichtiger ist: Der Satz ist selbst eine Glaubensaussage:
„Ich glaube nur, was ich sehe“ = „Ich habe das Vertrauen, dass meine Augen und mein Gehirn, das die Informationen meiner Augen verarbeitet, mir die Wirklichkeit so zeigen, wie sie ist.“
Und das ist gar nicht so selbstverständlich. (Ich habe meinen Zivildienst in einem psychiatrischen Krankenhaus gemacht. Ich hatte dort mit Leuten zu tun, die – tragischerweise! – öfters Dinge gesehen haben, die gar nicht da waren.)
Jede Form von Wissen und Erkenntnis steht auf der Grundlage solcher Glaubensvoraussetzungen. „Die Wissenschaft“ z. B. arbeitet mit der Voraussetzung, dass unser Gehirn, unser Denken und unsere Logik, zumindest ansatzweise in der Lage sind, die Wirklichkeit zu erschließen. Diese Voraussetzung brauchen wir als Arbeitshypothese. Und weiter: Schon dass ich diesen Text schreibe, ist ein Glaubensakt: Ich gehe davon aus (naja: ich hoffe), dass mit Hilfe von Sprache meine Gedanken so übermittelt werden können, dass du sie einigermaßen verstehst usw.
Es reicht nicht zu sagen: „Ich halte mich nur an das, was ich beobachten kann.“ Denn schon wie ich beobachte, bestimmt, was für Ergebnisse ich bekomme. Es macht einen Unterschied, ob ich einen Ameisenhügel mit einem Fernglas, mit dem bloßen Auge oder mit einer Lupe anschaue – oder ob ich mit den gleichen Mitteln den Mount Everest erforsche.
Wenn Christen nun auch von Glaubensvoraussetzungen ausgehen (z. B.: „Gott beeinflusst mein Leben“ – „Jesus ist bei mir“) – sind sie also keineswegs „naiver“ oder „leichtgläubiger“ als andere Menschen. Wichtig ist nur, dass sie offen bleiben für kritische Rückfragen („Woran merkst du das denn?“ – „Was wissen wir denn überhaupt über Jesus?“ usw.). Denn wenn unser Glaube wahr ist – und davon bin ich überzeugt – dann kann er jede Anfrage aushalten. Glaube und Denken gehören zusammen. Wer hätte das gedacht ...
Matthias Clausen






