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Fundamentalismus


_Über Wahrheitsansprüche, diffuse Vorwürfe und echte Dialogfähigkeit


In Modebegriffen vereint sich oft subjektive Klarheit, was man damit sagen möchte, mit großer Schwammigkeit: Jeder assoziiert Empfindungen und Bilder, kaum einer ist zu einer annähernd präzisen Definition fähig. „Fundamentalismus“ ist ein solcher Begriff. Man denkt dabei zunächst an Islamismus, Terrorismus oder finsterstes Mittelalter. Entstanden ist das Wort jedoch als Bezeichnung für eine konservative protestantische Strömung in den USA Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Karriere machte es viel später, dank islamischer Revolution im Iran und politischer Flügelkämpfe der Grünen.

Heute klingt das Wort „Fundamentalismus“ verrufen und gefährlich. Auch dann, wenn es, nahe der ursprünglichen Bedeutung, auf Protestanten des konservativeren theologischen Spektrums bezogen wird. Dabei wird gerne, gerade in den Medien, alles in einen Topf geworfen: Christen, die die Bibel ernst nehmen; die religiöse Rechte der USA; Splittergruppen – alle „fundamentalistisch“. Man kann diesen Vorwurf als unqualifiziert abtun und es sich verbitten, mit gewaltbereiten Fanatikern gleichgesetzt zu werden. Aber ist die Sache damit befriedigend gelöst?

Einerseits kann hinter Fundamentalismusvorwürfen eine „geradezu irrationale Angst vor jeder Art von unbedingten Wahrheitsansprüchen und Glaubensgewissheiten“ stecken, wie Jan Ross in der „Zeit“ kurz nach dem 11. September 2001 schrieb. Derart motivierte Vorwürfe kann man als Christ fast als Anerkennung hören. Andererseits kann ein Fundamentalismusvorwurf auch treffende Kritik enthalten: Christliche Ideen und Ideale sind schließlich nicht davor gefeit, in ideologische Korsette eingewebt zu werden – oder in einer Weise gelebt zu werden, die unnötig starr und unattraktiv wirkt.

Wo verläuft die Linie zwischen berechtigter und unberechtigter Kritik, zwischen Halt gebendem Fundament und Anmaßung? Fragen, über die es sich ins Gespräch zu kommen lohnt. Dazu soll der Thementeil dieser Ausgabe mit provokanten Thesen aus einem Interview, mit Bibelarbeit und Erfahrungsberichten anregen. Nicht, um unnötig Gräben aufzureißen oder über theologischen Streitfragen den missionarischen Schwung zu verlieren. Aber um aufrichtig zu sein, auch in Bezug auf unsere Gebrochenheiten; reflektiert, auch was vermeintliche Selbstverständlichkeiten angeht; gewiss, wer oder was uns tatsächlich trägt. Kurz: Um zu echter Begegnung und Antworten jenseits frommer Reflexe fähig zu sein.  

Ulrich Pontes

Thematische Artikel zum Download:

Download Glasglocke oder wirkliches Leben? Glasglocke oder wirkliches Leben?
_Der Baptist und Fundamentalismus-Experte Erich Geldbach über gefährliche Vereinfachungen, falsche Fundamente und den Selbstanspruch der Bibel (3_06_denken_Geldbach.pdf, 413.9 KB)

Download Fundamente des Glaubens Fundamente des Glaubens
_„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“: Gedanken zu Johannes 14,1–6
von Dr. Jochen Walldorf
(3_06_glauben_Walldorf.pdf, 435.38 KB)

Download „Meinen Willen galt es auszuschalten“ „Meinen Willen galt es auszuschalten“
_Missbrauch im Namen Gottes und der Liebe – Geschichte eines Ausbruchs (3_06_erleben_1.pdf, 165.08 KB)

Download Erfahrungsberichte zum Thema Erfahrungsberichte zum Thema
_Erlebnisse in einem Wohnheim
_Naturwissenschaftler und Glaubensaussagen – zwei Erlebnisse (3_06_erleben_2.pdf, 310.55 KB)