Pressemitteilung vom 11.04.2006
Der menschliche Geist - mehr als Ursache und Wirkung
Fachtagung christlicher Naturwissenschaftler zur Hirnforschung: Philosophische und theologische Erkenntnisse dürfen nicht ausgeblendet werden
Kassel. Die neueren Erkenntnisse der Hirnforschung bieten keinen Anlass, Geist und Bewusstsein des Menschen als bloße Folgeerscheinungen bestimmter Prozesse im Gehirn geringzuschätzen. Darüber herrschte Einigkeit unter Referenten und Teilnehmern einer Fachtagung christlicher Naturwissenschaftler, zu der sich vom 7. bis 9. April rund 50 Akademiker verschiedener Disziplinen in Kassel trafen. Veranstalter war die SMD, ein Netzwerk von Christen in Schule, Hochschule und Beruf (Studentenmission in Deutschland e. V.).
In der heutigen Debatte werden von bekannten Hirnforschern wie Gerhard Roth oder Wolf Singer oft weitgehende Thesen aufgestellt - etwa diejenige, dass es keinen freien Willen gebe. In diesem Zusammenhang beklagte der Philosophieprofessor und katholische Theologe Peter Kunzmann aus Jena, dass Erkenntnisse aus der Philosophie dabei ignoriert würden. Dabei sei, ausgehend etwa von Philosophen wie Descartes und LaMettrie ("Die Maschine Mensch"), längst über alle wesentlichen Fragen nachgedacht worden.
Laut Kunzmann ist es weder überraschend noch problematisch, dass geistigen Tätigkeiten wie dem Denken, Wollen oder Entscheiden gewisse beschreib- und messbare Vorgänge im Gehirn entsprechen. "Zum Denken habe ich nun einmal mein Gehirn." Aber man dürfe deswegen nicht einfach Erklärungsmodelle von der materiellen auf die geistige Welt übertragen: "Die physiologischen Vorgänge in meinem Gehirn und die geistigen Vorgänge in mir - das sind Teile derselben Wirklichkeit, aber sie sind nicht ineinander zu übersetzen oder umzurechnen." Das habe etwa der Philosoph Gilbert Ryle Mitte des 20. Jahrhunderts gezeigt. Geistige Prozesse seien also unmöglich durch mechanistische Modelle von Ursache und Wirkung zu erfassen. Vielmehr könne der Mensch allen Situationen kreativ begegnen - auf der Basis von Gründen, nicht unabhängig von Prägungen und äußeren Bedingungen, aber doch grundsätzlich frei. Schließlich könne man sich seine Gründe, Haltungen und Marotten jederzeit vor Augen führen und prüfen.
Pfarrer Hermann Hafner aus Marburg, früherer Geschäftsführer der Karl-Heim-Gesellschaft, machte deutlich, dass auch im biblischen Konzept vom Menschen Geist und Seele untrennbar mit dem Körper - also auch mit dem Gehirn - verbunden sind. Das gehe beispielsweise aus Genesis 2,7 hervor, so Hafner: "Gott bläst dem Menschen seinen Odem ein, und so wird - nicht bekommt! - er eine lebendige Seele." Die Idee einer vom Körper losgelösten, unsterblichen Seele komme dagegen aus der griechischen Philosophie und müsse aus christlicher Sicht kritisch gesehen werden.
Auch wenn die Hirnforschung damit aus christlicher Sicht durchaus legitim ist, muss sie sich trotzdem vor einer Absolutsetzung ihrer Ergebnisse hüten. So betonte Hafner, dass Naturwissenschaft immer natürliche Erklärungen suche und andere Dimensionen dabei bewusst und zu Recht ausblende. Damit könne sie aber eben immer nur über Teilaspekte der Wirklichkeit etwas herausfinden: "Die Ergebnisse der Naturwissenschaft müssen immer in den Gesamthorizont unserer Lebensrealität und unserer Beziehung zu Gott eingezeichnet werden, sonst ergibt sich keine echte Erkenntnis."
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